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Was Firmenchefs von Trump lernen sollten

Die Welt: Mit Donald Trump zieht nach Barack Obama der zweite Präsident in Folge ins Weiße Haus, der im Wahlkampf nicht mit politischer Brillanz sondern vor allem mit einer guten Show gepunktet hat. Obama gab den charismatischen Romantiker, Trump den Gruselclown. Muss man heutzutage Popstar sein, um die Massen hinter sich zu bringen?

Reinhard K. Sprenger: Es ist zumindest hilfreich, den öffentlichen Auftritt zu lieben. Tatsächlich hat mit Trump aber auch diesmal ein Romantiker gewonnen. Im Grunde steht er sogar noch mehr als sein Vorgänger Barack Obama für die Wiedereinführung der Romantik in die Politik. Anders als Hillary Clinton hat Trump nämlich von Anfang an begriffen, dass Wahlen keine Intelligenztests sind. Es geht bei Wahlen nicht um Wahrheiten, sondern ums Gefühl. Während Hillary Clinton auf die Köpfe der Wähler zielte, zielte Trump auf die Herzen. Und genau danach sehnen sich die Menschen - das Gros der politischen und wirtschaftlichen Führungselite hat das nur leider nicht verstanden.

Aber Trump hat im Wahlkampf gelogen, er hat Leute beleidigt, sich blamiert. Die Wähler waren dank der Medien top informiert über die Defizite des Kandidaten, und haben ihm trotzdem ihre Stimmen gegeben. Warum?

Viele sagen jetzt, dass ihn vor allem weiße, ungebildete Globalisierungsverlierer gewählt hätten, die ohnehin nichts von Politik verstünden. Trump hatte aber eines, was Clinton definitiv nicht hatte und was auch vielen Managern fehlt: Glaubwürdigkeit.

Glaubwürdigkeit? Er wurde doch x-fach der Lüge überführt!

Nicht der Lüge, aber der falschen Tatsachenbehauptung. Glaubwürdig ist er aber trotzdem – oder gerade deswegen. 

Sie meinen: authentisch. 

Nein, ich meine glaubwürdig. Er rümpfte nicht die Nase über Normalmenschen, macht ihnen keine moralisierende Vorhaltungen, idealisierte nicht das Elitäre. Er hat doch vor allem deshalb gewonnen, weil Clinton das Alte und das Verlogene repräsentierte. Wie oft habe ich, wenn ich Amerikaner gefragt habe, wen sie wählen, die Antwort bekommen: „ABC“.

ABC?

Anything but Clinton. Trump eckte an, provozierte, nervte, aber er sagte, was er meinte. Clintons Verhalten dagegen wurde als antrainiert, künstlich und dadurch unehrlich wahrgenommen. Weil die Demokraten eine Technokratin nominiert haben, konnte Trump seinerseits so punkten. Bei Bernie Sanders hätte das anders ausgesehen. Dabei hatte Trump durch seinen Wahlkampf viele Minderheiten verloren, aber Clinton hat sie nicht gewonnen. Weil sie ihre Herzen nicht erreichte.

Ist dieses technokratische Roboterverhalten, das sie bei Clinton kritisieren, auch unter Managern verbreitet?

Durchaus. Vielen Wirtschaftsführern ist jedes Gefühl für Romantik, Zugehörigkeit und Sinn abhanden gekommen. Es geht nur noch um die Steigerung des Unternehmenswertes als Selbstzweck. Es treten kühle, marathongestählte Vernunftmenschen vor die Belegschaften, rattern Zahlen, Ergebnisse und Ziele herunter. In der Breite des Unternehmens aber interessiert sich niemand für die Unternehmensziele. Und so lebt man vor sich hin in einer autistischen Parallelwelt, dreht sich um sich selbst und bekommt gar nicht mit, wie die mentale Schere immer weiter auseinander geht.

Als den großen Empathiegott hatte man Trump aber bislang auch nicht abgespeichert.

Das ist richtig. Aber das Ganze ist ja auch ein großes Missverständnis. Trump ging es von Anfang an nur um seine wirtschaftlichen Interessen. Er wollte lediglich Präsident werden, um sein Firmenimperium zu revitalisieren. Schon im Wahlkampf hat er Veranstaltungen genutzt, um massiv Trump-Produkte zu promoten. Das ist zwar anrüchig – aber trotzdem kann man von ihm einiges lernen, wenn es darum geht, Menschen hinter sich zu bringen.

Also los: Was genau sollten sich Manager von ihm abschauen?

Zum Beispiel, wie wichtig eine gute Rhetorik ist: Während Clinton über Themen sprach, sprach Trump zu Menschen. In einfachen Sätzen, vor allem: ohne Umerziehungsrhetorik. Über allem stand die Botschaft: „Es gibt viele Probleme, ja, aber Ihr seid ok, so wie Ihr seid. Ihr müsst Euch nicht ändern.“ Sie können sich gar nicht vorstellen, wie erlösend das auf die Menschen wirkt.

Was bedeutet das, übertragen auf die Realität in Unternehmen?

Auch viele Mitarbeiter sehnen sich danach, in ihren Firmen Heimat zu finden, das Gefühl, zugehörig zu sein und gebraucht zu werden. Was tun die Manager? Sie inszenieren Unternehmen als Umerziehungsheime. Mitarbeiter werden pausenlos vermessen, optimiert und pädogogisiert, Englisch wird als Firmensprache oktroyiert und der Duzzwang eingeführt – mit dem Erfolg, dass sich die Mitarbeiter in der ohnehin immer zersplitterteren Welt noch ein Stückchen mehr entheimatet fühlen. Auch die Exzesse der Managergehälter zerstören jedes Gefühl von „Wir“. Genau das ist es ja auch, wovon auch die AfD profitiert. Es ist die Sehnsucht nach einer Ordnung für das ganze Haus, nicht nur für einige Privilegierte. Wenn wir nicht aufpassen und anfangen, die Leute ernst zu nehmen und nicht als Populisten abzuwerten, wird uns das ganz bald um die Ohren fliegen.

Was genau raten Sie den Wirtschafts- und politischen Anführern?

Sie könnten zum Beispiel aufhören mit dem unsinnigen Gerede vom Postfaktischen, mit der Annahme also, dass sich Menschen heutzutage angeblich nicht mehr für Fakten interessierten. Tatsache ist doch: Es gibt keine Fakten jenseits der Wahrnehmung und Bewertung. Wahrnehmung ist Wirklichkeit, das war immer so und wird auch immer so bleiben. Viele Manager tun so, als sprächen Zahlen für sich, und verstecken sich hinter Managerphrasen und BWL-Jargon. Ich denke dann oft: Mann, geht doch mal auf den Fußballplatz! Redet doch mal normal, dann fangen die Leute vielleicht auch an, sich für das zu interessieren, was ihr sagt.

Kraftausdrücke, Flüche, Beleidigungen à la Trump inklusive?

Nein, ich würde schon sehr dazu raten, Takt und allgemein geltende Höflichkeitsregeln nicht zu verletzen. Aber aus der Sicht eines Managerberaters muss ich schon sagen, dass Trump fast so etwas wie ein rhetorisches Naturtalent ist. Seine einfache, bildreiche Sprache, die kurzen Sätze, die expressive Körpersprache, die Tatsache, dass er seine Hauptbotschaften wiederholt und wiederholt – das sind Dinge, die ich meinen Coachees ebenso nahelege. Auch dass er wichtige Aussagen immer erst mit einer Gestik und Atempause vorbereitet, nicht nur begleitet, und später mit einem Lächeln garniert, das alles hat eine enorme Wirkung.

 

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