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Warum Egoisten sozial sind

Dass wir auf morgen verschieben, was wir schon heute besorgen könnten, dass uns das Hemd näher als der Rock ist, dass uns der Spatz in der Hand lieber ist als die Taube auf dem Dach, dass wir uns manchmal mit nicht-maximalen Nutzen zufrieden geben, dass wir uns bei Entscheidungen von Formulierungen beeinflussen lassen, dass wir Stabilität mehr mögen als Veränderung, dass wir Launen wie Barmherzigkeit oder Nächstenliebe kennen, dass wir unzulänglich in der Einschätzung von Wahrscheinlichkeiten sind und kurzsichtig in der Planung unserer Lebensvollzüge - das war uns zwar schon immer irgendwie bekannt, aber es musste mal gesagt werden und wir haben es bisweilen schmunzelnd zur Kenntnis genommen.

Gesellschaftliche Sprengkraft erhielten diese umstürzlerischen Befunde durch ihre interpretierende Versprachlichung: Der Mensch sei nur beschränkt rational, in Wirklichkeit ein homo affectus, im Extremfall ein kognitiver Versager.

Das wurde von der Politik begeistert aufgegriffen. Sie witterte sofort die Chance, ihre Umerziehungsneigung „wissenschaftlich“ zu legitimieren. Der gemeine Bürger, er wisse gar nicht, was gut für ihn sei. Niemand hat das so unverblümt ausgesprochen wie Hillary Clinton: “We can’t expect our people to make the right choices.“ Das war kurios hellsichtig – zumindest, was ihre eigene Person anbetraf.

Nun, hatte je jemand behauptet, dass der Mensch durchgängig rational sei? Ja, Debile vielleicht. Gibt es überhaupt eine menschlich unbeschränkte Rationalität, von der die beschränkte zu unterscheiden wäre? Hm. Mehr noch: Ist Rationalität empirisch greifbar? Nein, ist sie nicht. Sie ist Sache des individuellen Maßstabs. Und auch ein brachial definierter „homo oeconomicus“ hat sich im wissenschaftlichen Schrifttum nie gefunden. Er ist nur ein Popanz, um sich effektvoll von ihm abstossen zu können: „Wir sind nur Menschen, keine Maximierer!“ Aah ja. 

Die Kritik am homo oeconomicus konnte ihren Kontrastwert nur erzielen, indem sie den Menschen auf einen rein materiellen Rechenkünstler reduzierte. Man verengte den Nutzenbegriff auf die Leitunterscheidung „mehr Geld/weniger Geld“. Unter diesen Vorzeichen entdeckte man in der Tat „Anomalien“, die man als „irrational“ etikettierten konnte.

Dabei war lebensweltlich immer klar, dass der Mensch auch nicht-materielle Werte kennt. Wer handelt, der handelt: Wenn jemand einen finanziellen Vorteil ausschlägt, weil er ihm zu unbedeutend erscheint, gar als Beleidigung erlebt und daher vorzieht, lieber nichts zu bekommen, dann ist das für ihn absolut rational. Er schützt seine Selbstachtung, sein inneres Gleichgewicht. Und warum teilen Menschen mit anderen Menschen, wenn sie doch Egoisten sind? Ja, eben weil sie Egoisten sind. Man handelt immer aus Eigeninteresse. Auch das Soziale ist eigeninteressiert – egal, ob man sich dabei selbst gefällt, den Beeindruckungsnutzen auf andere kalkuliert oder aus sozialem Frieden Vorteile zieht. Es  sind gefühlsökonomische Kalküle; man kann sie auch „soziale Präferenzen“ nennen. Der prominente Kritiker des homo oeconomicus setzt also das Soziale mit dem Irrationalen gleich. Das hat schon eine ironische Pointe. Aber ist eines Nobelpreises würdig.

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