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Unser aller Bruder Kain

„Am Ende des Tages brachte Kain von der Frucht der Felder Jahwe eine Spende, und auch Abel brachte von den Erstlingen seiner Schafe eine Spende. Jahwe achtete auf Abel und seine Spende, auf Kain und seine Spende achtete er nicht. Da entflammte Kain und sein Antlitz fiel. (...) Als sie aber auf dem Felde waren, tötete Kain seinen Bruder Abel.“

Eine archaische Szene. Zwei Brüder opfern, das Opfer des einen wird angenommen, das des anderen abgelehnt. Daraufhin der Brudermord. Die Parallelen mit den politischen Verschiebungen der letzten Monate sind unabweislich. Denn die Wahl Donald Trumps, das Anschwellen rechtspopulistischer Parteien und die überschießende Feindseligkeit im Internet, sie haben einen gemeinsamen Nenner: die Angst vor dem Abgewiesensein. 

Wir alle fürchten, sozial degradiert zu werden. Das ist evolutionär geprägt: In früheren Zeiten hätte ein Ausschluss den sicheren Tod bedeutet. Wir wollen geborgen sein, wollen dazugehören. Auch Kain hat diesen Geborgenheitsbedarf. Er vertraut darauf, dass sein Opfer angenommen wird. Aber die höhere Instanz vergibt ihre Gnade offenbar nach unkalkulierbaren Prinzipien. Sie steigt nicht ein in den Prozess der wechselseitigen Achtung. Sie weist das Opfer sprachlos zurück. Warum tut sie das? Will sie Kain öffentlich brandmarken? Will sie Kain Schamgefühle einpflanzen, um seine Minderwertigkeit auszuweisen? Will sie dadurch soziale Unterschiede besonders betonen?

Kain erfährt nicht, was er anders hätte tun sollen, worin sein Fehler lag. Und genau darum erlebt er die tiefe Verwundung seines Selbstwertgefühls. Was tut er? Er wendet das Passive ins Aktive. Er tauscht Scham mit Schuld. Er kann mit Schuld besser umgehen als mit Scham. Warum? Beschämt weiß er nicht, was er hätte anders machen sollen. Er entspricht offenbar nicht der Erwartung, kennt dafür aber keinen Grund. Bei der Schuld kann er wählen: Er könnte die Tat auch unterlassen. Er tut etwas, was verboten ist. Das ist ihm lieber. Ohnmacht ist viel schwerer zu ertragen, sodass er es vorzieht, in die Schandtat zu flüchten. Dann ist die Ablehnung für ihn nachvollziehbar. Das abgelehnte Opfer, das ihn zum Opfer macht, wendet er in Täterschaft.

Scham ist nicht verstandene Ablehnung. Wir können etwas nicht, sind nicht wie erwartet, sind offenbar „verkehrt“. Etwas liegt nicht in unserer Macht, wir sind Opfer, erleiden die Situation. Scham bedeutet Erniedrigung und der Verlust von Respekt. Schuld hingegen ist verstandene Ablehnung. Wir tun etwas, was verboten ist, zumindest geächtet, was wir aber auch hätten lassen können. Dann liegt es in unserer Macht, wir sind nicht mehr Opfer, sondern Täter. Wenn wir schuldig sind, dann werden wir gesehen, spüren Täterstolz, sind nicht mehr sprachlos, können uns verteidigen, vielleicht sogar die Motive für die Ablehnung erfragen. Wir wissen dann wenigstens, was an uns nicht in Ordnung ist. 

Der Tausch von Scham in Schuld: Dasselbe geschieht auf unzähligen Handlungsebenen, wenn Menschen sich in ihrem Eigenwert nicht bestätigt fühlen. Wir kämpfen um unseren Eigenwert, indem wir, um ein harmloses Beispiel zu nennen, am Arbeitsplatz „Wertschätzung“ einklagen. Wir kämpfen um unseren Eigenwert, wenn uns an allen Ecken und Enden „Ich vertraue dir nicht!“ offen oder unterschwellig zugerufen wird, wenn wir nicht als vereinbarungsfähiger Partner anerkannt werden, wenn der andere uns gegenüber Betrugsvorsorge trifft, wenn wir die Überwachungsgesten realisieren, wenn wir spüren, dass das Auge der „höheren Macht“ nicht wohlwollend auf uns ruht, wenn wir uns zwar selbst für vertrauenswürdig halten, aber nicht wissen, warum uns der andere misstraut. Unser Eigenwert ist dann verletzt, wir fühlen uns unverstanden, geradezu gedemütigt, sind mindestens davon überzeugt, nicht „richtig“ gesehen werden.

Dann flüchten wir uns lieber in die verbotene Handlung. Zum Beispiel, indem wir uns „auszahlen“ lassen: ohne jedes Schuldgefühl ein paar Tage länger krankfeiern, hier etwas abzweigen, dort ein wenig betrügen. Dieses Nach-außen-wenden ist für uns zweifellos gesünder als die Implosion des Krankwerdens - die reicht vom psychosomatischen Formenkreis bis zum Krebs. Dieselbe Psychomechanik ist zu beobachten, wenn wir andere schlecht machen, um selbst wieder besser dazustehen, wenn wir Fake-News erfinden, um unseren Selbstwert zu retten, wenn wir diejenigen abwerten, die uns ein Einkommen an Aufmerksamkeit verweigern - von dem wir glauben, dass es uns zusteht. Dasselbe geschieht, wenn die Gesellschaft kein Angebot macht, gebraucht zu werden – und man dann rechtsradikal wird. Genau das tun die Wütenden, die durch die Grenzenlosigkeit des Internets die Welt in Shitstorms versinken lassen, in Feindseligkeit und Aufhetzung. Genau das tun die Menschen, die sich gegen das Tabuisierte und politisch Korrekte stemmen, indem sie Trump oder andere Autokraten wählen - weil sie zwar die Kosten der Globalisierung spüren, nicht aber ihren Nutzen; weil sie Arbeitsplätze gehen und Arbeitskräfte kommen sehen; weil man ihnen die Forderungen der Diversitätsindustrie – etwa das „Gesetz zur Förderung von Transparent von Entgeltstrukturen“ - als erstrangige politische Gestaltungsprobleme verkauft; die spüren, wie sich die Gesellschaft immer mehr teilt in VIPs und die anderen, auf die man herabschaut; denen die medialen Deutungshoheiten zurufen, das Glück und Pech aus dem sozialen Prozess herauszurechnen seien und man Erfolg ausschließlich sich selbst zu verdanken habe; die sehen, dass dienstleistende und produzierende Arbeit nicht mehr materielle und soziale Anerkennung generiert, sondern die Nähe zum Kapitalstock einer Gesellschaft; die täglich lesen müssen, dass Manager, die treuhänderisch das Geld anderer Leute verwalten, eben nicht wie Treuhänder bezahlt werden, sondern ohne persönliches Risiko Unternehmergewinne einstreichen. Dasselbe geschieht, wenn Menschen anderen Menschen furchtbare Dinge antun, Hauptsache, es erzeugt Resonanz und die Medien berichten darüber, am besten mit Sondersendungen - und da sind unsere Medien ja absolut zuverlässig.

Das Bedürfnis, in einer Welt zu leben, der man sich zugehörig fühlen kann, ist anthropologisch tief verwurzelt. Die Menschen werden nur dann bereit sein, sich auf eine neue und offene Weltordnung einlassen, wenn sie sich, ihren Beitrag und ihre Werte darin aufgehoben finden. Welche nicht nur mörderischen, sondern sogar selbstmörderischen Konsequenzen es hat, wenn wir Teile unserer Mitmenschen mit nicht-verstandener Ablehnung beschämen – das lehrt uns unser Bruder Kain.

 

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