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Persönlichkeit statt Mittelmaß

In meinem Beruf lerne ich viele Unternehmen kennen. Sehr verschiedene Unternehmen, mit z.T. sehr unterschiedlicher Herkunft und wahrscheinlich noch unterschiedlicherer Zukunft. In den letzten Jahren begegnet mir dort immer öfter ein bestimmter Typus Mensch. Männlich ist er meistens, sehr geschmeidig, gut gekleidet (Ausnahme: Schuhe), unaufdringlich, freundlich, angepasst. Und irgendwie mittelmäßig.

Was ist daran auszusetzen? Ich vermisse Menschen mit einer Haltung. Menschen mit eigener Meinung und der Bereitschaft, sie auszusprechen. Menschen, die sich mit ihrer Eckigkeit und Eigensinnigkeit in die Erinnerung graben. Wo sind die kantigen, streitbaren Typen, Leute mit Stil, individueller Klasse und Courage? Sind Unternehmen Veranstaltungen zur Pathologisierung unerwünschter Individualität? Wo sind die Leute, die nicht im mainstream treiben, die auch Kritisches sagen, dass man eben nicht „auf gutem Weg“ sei, die nicht jeden Mist „Dünger“ nennen, und die nicht dauernd mit dem Fahnenwort „Wertschätzung“ wedeln? Die Widersprüche erkennen? In Argumente gießen? Zudringlichkeiten spüren und sich dagegen wehren? Lieber lassen sie sich in der Cafeteria zu gesundem Essen dressieren. 

Betriebswirtschaftlich wichtig wird das mit Blick auf die Zukunftsfähigkeit der Unternehmen. Kaum noch jemand repräsentiert ein Außen, eine Alternative. Es sind keine zornigen jungen Männer, die für ein Andersmachen kämpfen, die Gegenvorschläge entwerfen. Sie hoffen eher, irgendetwas zu bekommen, zu erhalten, gesegnet zu werden, ein Lob vielleicht, eine gute 360-Grad-Beurteilung, eine Bestätigung des Potenzials, eine Beförderung. Andere bestimmen das Leben, die Karriere, die Zukunft. Ihr Leistungsanspruch bezieht sich auf das kluge Anpassen, nicht auf den Neuentwurf. Rebellion verbietet sich, selbst wenn man den Gedanken zuließe. Draußen warten ja noch etliche, die auf ihre Chance warten. Das maximal Rebellische ist die Forderung nach Vaterschaftsurlaub.

Ist nichtssagender Durchschnitt heute karrierefördernd? Alles redet doch von Unternehmertum, Eigeninitiative, Ausbruch aus der Konvention. Man wäge nur die steile Karriere des Wortes „disruptiv“. Es mag ja sein, dass wir es mit einer Generation von Angepassten zu tun haben. Vor allem aber weisen viele unternehmensinterne Strukturen in diese Richtung. Glaubt jemand, dass z.B. Assessment-Center etwas anderes erzeugen als konsensuelle Unauffälligkeit? Glaubt jemand, dass die Wert- und Führungsstil-Pädagogik etwas anderes erzeugt als politisch korrekte Lauheit? Glaubt jemand, dass die aufgezwungenen Feedback-Runden Unternehmer-Typen generieren? Konformität - das ist es, worauf diese Instrumente zielen. Bringt uns das beim Kunden einen Meter weiter? Hilft uns das im Markt? Aber da draußen haben wir einen beinharten Wettbewerb zu gewinnen, dort haben wir zu punkten, nicht auf den Kinderspielplätzen der Organisation.

Ich möchte Ihnen zurufen: Biedern Sie sich nicht an! Spekulieren Sie nicht auf Lob! Ein gutes 360-Grad-Feedback ist ein Pyrrhussieg. Halten Sie sich an die Regel, aber nicht an die Konvention. Tun Sie nur das, wo Ihr Talent wie eine Sonne leuchtet! Lassen Sie von allem die Finger, was Sie nur zweitklassig können! Provoziere – und serviere! Das geht auch in Ihrer Firma!

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