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Nichthandeln heißt zustimmen

 

Monatelang rauschte der Blätterwald vor Empörung: VW und der Dieselskandal. Was konnte man nicht alles lesen über kriminelle Energien, mit denen der Konzern Abgaswerte manipulierte, die Kontrollbehörden hinters Licht führte und die Kunden verachtete! Da wusste man auch schon von Kartellabsprachen, aber noch nichts von Affenversuchen. Das alles im Schutz einer expliziten Staatsgarantie, die die unheilige Allianz von Wirtschaft und Staat zur Kenntlichkeit entstellte. VW wurde geradezu zur „case study“ eines ebenso unmoralischen wie zukunftsängstlichen Managements. 

Und dann, im Januar 2018, die Absatzzahlen der Autoindustrie. Im Geschäftsjahr 2017 produzierte VW so viele Fahrzeuge wie nie zuvor: 10,74 Millionen Kunden weltweit entschieden sich für ein Fahrzeug von Volkswagen. Damit steigerte der Konzern seine Auslieferungen um 4,3 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Im Einzelmonat Dezember erzielte das Unternehmen mit knapp einer Million ausgelieferten Fahrzeugen ein deutliches Plus von 8,5 Prozent. Ein Paukenschlag! Wie soll man den verstehen? Sind diese Zahlen das Ergebnis einer eher globalen Nachfrage, die den deutsch-amerikanischen Mediensturm ignorierte? Keineswegs: In Deutschland belegten VW-Modelle die ersten drei (!) Plätze der Verkaufsstatistik.

Kaum jemand scheint das Phänomen in seiner Tragweite zu erfassen. Offenbar wird es zynisch lächelnd abgehakt. Lächelt man nicht mit, dann zeigen sich an diesem Beispiel die Tiefenströme der Gesellschaft.  Denn in wirtschaftlichen Tauschprozessen drücken sich nicht nur soziale Beziehungen aus, vielmehr manifestieren sich gesellschaftliche Werte in den Waren und im Ruf von Produzenten.

Wenn das zutrifft, was sagt das über uns als Gesellschaft aus? Wohl dieses: Faktisch spielt moralischer Konsum in der Präferenzabwägung der Kunden keine Rolle – obwohl jeder weiß, dass massive Kaufverweigerung ein überdeutliches Signal gesetzt hätte. Disziplinierung der Unternehmen durch Konsumverzicht? Nö. Moralisierung der Märkte, die die Verdrängung ethischer Maximen durch den Markt stoppt? Ach was! Das soll der Staat machen! Stattdessen: Macht weiter so! Verarscht uns weiter! Die sozialen Folgen seines Konsums sind dem Bürger ziemlich egal. Um es deutlich zu sagen: Nichthandeln heißt zustimmen. Die Deutschen werden ihrer gesellschaftlichen Verantwortung als Konsumenten nicht gerecht. Damit haben sie ihr wirtschaftsmoralisches Empörungsrecht verspielt. Und tragen Mitverantwortung dafür, beim nächsten Mal wieder betrogen zu werden. Nachhaltig, selbstverständlich.

Der Chefzyniker an der Unternehmensspitze faselt etwas vom „Vertrauen der Kunden“, dass er wiedergewinnen wolle. Vertrauen? Nein, er kalkuliert mit der Vergesslichkeit und der Ignoranz der Kunden. Zu Recht. Denn das sind die Lektionen aus dem Fall, aus dem leider kein Fall wurde:

  1. Die wirtschaftsethische Empörung ist pharisäerhaft. Sie ist ein mediales Blätterrauschen, billiges Moralisieren. Der Lebenswirklichkeit der Bürger entspricht sie nicht.

  2. Die appellative Vernunft greift zu kurz. Wenn das „du sollst“, Zarathustras großer Drache, auf ein „ich will“ stößt, hat der Drache keine Chance. Er bleibt eine regulativen Idee wohlmeinender Bildungsbürger, die sich sowieso schon immer moralisch „richtig“ verortet haben.

  3. Der individuelle Wunsch ist stärker als der solidarische Verzicht. Oder anders: Das Hemd ist uns eben näher als der Rock.

  4. Unternehmen irren sich, wenn sie glauben, „greenwashing“ und „Werte-Bibeln“ beeindruckten Käufer und veranlassten diese, ein Premium zu zahlen. Was wirklich zählt, ist moralfrei. Die Forschung unterscheidet dazu zwischen handlungs-erklärenden und handlungs-steuernden Motiven. Die Kunden erklären ihre Präferenzen gerne mit moralisch hochstehenden Motiven; handlungssteuernd sind sie nicht. Oder, wie Niklas Luhmann sagen würde: Wirtschaftsethik ist ein Phänomen, das in der Form des Geheimnisses auftritt - es existiert nicht wirklich.

  5. Im Unterschied zur Ansicht der mehrfach nobelpreisgekrönten Verhaltensökonomen handelt der Bürger als Käufer keineswegs „beschränkt rational“. Sondern kühl kalkulierend, preis- und qualitätsbewusst. Er lässt sich sogar von den kriminellen Machenschaften der herstellenden Firma nicht irritieren. Na, wenn das nicht abgrundtief rational ist! 

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