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Gesunder Egoismus

Worin bestehen aktuell die größten Bedürfnisse von Arbeitnehmern bzw. überhaupt von Arbeitenden? Können Sie eine Veränderung über die letzten 5-10 Jahre ausmachen? Wenn ja, welche?

Darüber lassen sich kaum verallgemeinerbare Aussagen machen. Große Unterschiede finden sich vor allem zwischen den Alterskohorten. Mit dem Mut zur Vergröberung kann man sagen: Die Älteren sind eher sicherheitsorientiert und pessimistisch. Geld und Status sind ihnen wichtig. Die Jüngeren sind eher neugierig, technikorientiert und optimistisch. Ihnen ist eine sinnvolle Arbeit tendenziell wichtiger als eine gut bezahlte. „Die Welt retten“ charakterisiert sie ziemlich präzise. Aber auch innerhalb der Alterskohorten gibt es erhebliche Spreizungen. Vielleicht ist die Uneinheitlichkeit der Bedürfnisse heute das einzige Einheitliche.

Benennen Arbeitnehmer und im Gegensatz dazu Selbstständige und/oder Unternehmer/Eigner/hohes Management unterschiedliche Schwierigkeiten?

Der Arbeitnehmer ist Arbeitnehmer, weil er für die Selbstständigkeit ungeeignet ist. Oder sich dafür hält. Entsprechend sieht er sich eher in einer passiven Rolle, als Opfer des Wandels. Transformation, jede Form der Unruhe hat für ihn Bedrohungspotenzial. Deshalb neigt er zur Veränderungsverschleppung. Regelhaftigkeit und bürokratische Berechenbarkeit sind ihm wertvoll. Der Selbstständige hingegen ist selbstständig, weil er sich auf sich selbst verlassen kann. Und will. Entsprechend sieht er sich in einer aktiven Rolle, als jemand, der gerade die Veränderung vorantreibt, die Unruhe als Existenzbedingung anerkennt. Behörden und Verwaltungen behindern ihn nur, halten ihn vom Wesentlichen ab. Weil er Platz braucht und auch Platz schaffen will, leidet er unter der wuchernden Erniedrigungsbürokratie. Der Top-Manager ist ein Hybrid: Er tut so, als sei er Unternehmer, ist aber nur der Treuhänder des Geldes anderer Leute. Entsprechend widerspruchsvoll ist seine Position.   

Im Job sind Hierarchiebenen zu navigieren. Wie gelingt das am besten?

Indem man anerkennt, dass der Hierarch vor allem eins will: Hierarch bleiben. Er ist vorrangig an seinem Selbsterhalt interessiert, obgleich er das natürlich mit Unternehmensinteressen umwölkt. Also: Man muss die Hierarchie ehren, wenn sie existiert. Man muss sie mitgewinnen lassen. Ob sie so existieren sollte, wie das gegenwärtig noch häufig der Fall ist, ist eine ganz andere Frage.

Probleme, das sind die Anderen, möchte man manchmal Sartre persiflieren. Was kann ICH tun um Probleme, die natürlich nur alle Anderen verursacht haben, zu lösen (oder auch zu vermeiden)?

Zunächst einmal davon ausgehen, dass Konflikte das Normale sind, die Harmonie die Ausnahme. Das hilft schon gewaltig. Sodann sich klar machen, dass Konflikte nicht lösbar sind, sondern nur besser handhabbar. Das reduziert die Erwartungen. Wenn man aber unbedingt einen Konflikt lösen will, dann sollte man sich vom Konflikt lösen. Wie das zu tun ist, weiß im Grunde jeder. Er muss nur bereit sein, einen Preis dafür zu zahlen.

Überall (auch hier) wird geraten, sich an die eigene Nase zu fassen, in sich selbst hineinzuhorchen. a) Wird man davon nicht weich und schwach, und Karriere wird unmöglich? b) Wie unterscheide ich zwischen Situationen, die sich wirklich bessern lassen durch meinen Einsatz, und welchen, in denen man entschlossen und konsequent den Anderen ihre Verantwortung zuweisen muss?

Es ist schon so: Die einzige Konstante in all meinen Konflikten bin ich selbst. Aber ich habe nun mal die Deutungshoheit über mein Leben. Und Selbstachtung geht immer vor Fremdachtung. Ich muss erst einmal dafür sorgen, dass es mir gut geht, bevor ich mich um andere sorge. Ich kann und werde zum Beispiel nicht zulassen, dass andere Menschen meine Lebensqualität in einer Weise beeinträchtigen, dass ich mich Sonntagabend nicht mehr auf Montagmorgen freue. Dann werde ich Anwesenheitsverhinderungen organisieren.

Was unterscheidet eine gesunde Selbstfürsorge (z.B. auch mal konsequent nicht erreichbar zu sein) von Egoismus (z.B. die Kollegen die ganze Arbeit machen zu lassen)?

Eine Frage des Standpunktes. Was ich für gesunde Selbstfürsorge halte wird der andere möglicherweise als Egoismus geißeln. Deshalb muss man Partner finden, die ähnliche Auffassungen haben. Und eine offene Leistungskultur gestalten, in der ein klares Wort möglich ist. Überzogene Höflichkeit und politische Korrektheit ist der Tod jeder Leistungspartnerschaft.

Ist nicht der Staat oder zumindest der Arbeitgeber in der Fürsorgepflicht, meine Arbeitskraft zu erhalten? Warum müssen wir uns überhaupt selbst damit beschäftigen?

Fürsorge hat den Charakter einer einseitigen, nicht-reziproken Zuwendung. So geht man mit Kindern um. Fürsorge hält daher den Menschen klein. Ob gewollt oder nicht. Fürsorge und Gleichbehandlung unter Erwachsenen schließen sich wechselseitig aus. Ist der andere ein Partner im Wortsinne, dann sind Respekt, Distanz und Achtung geeignete Beziehungsqualitäten. Gegenüber Erwachsenen, die ihre Interessen und Ansprüche öffentlich artikulieren können, verbietet sich Fürsorglichkeit.

Wenn schon, denn schon: Was sind die besten Tipps, um die eigene Arbeitskraft und -fähigkeit zu erhalten oder sogar zu steigern?

Nur ein Tipp: Folge nie einem Tipp! Geh deinen eigenen Weg!

Was sollten die Leser dieses Interviews unbedingt beherzigen? Was sollten sie ab morgen (anders) machen?

Es ist eine große Leistung, jemand zu bleiben in einer Umwelt, die einen dauernd anders haben will.

 

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