Aktuelles

Die Lüge vom globalen Spitzenmanager

Es ist nicht zu übersehen, dass extreme Managergehälter zur Legitimitätskrise des Kapitalismus beitragen, die die politischen Aufbrüche der letzten Monate motivieren. Begründet werden die Bezüge mit dem Wettbewerb. Es gäbe nur eine kleine Elite von Managern, die Konzerne steuern könnten. Und um diese tobe eine weltweite Konkurrenz. Wolle man die besten Leute, müsse man das Geld zahlen.

Gibt es diesen Wettbewerb? Oder gehört dieses Argument zu den gegenwärtig heiß diskutierten Aussagen, die eine Realität jenseits der Fakten behaupten, weil sie einer tieferen Wirklichkeit des gesunden Eliteempfindens entspricht? Um hier nicht selbst die Grenze zwischen Tatsache und Meinung zu verwischen, will ich die Quelle meiner Faktenbasis öffnen. Ich stütze mich zunächst auf die Forschungen des Soziologen Michael Hartmann, der die Zahlen für die letzten Jahre zusammengetragen hat. Das Ergebnis in summa: Definiert man die Managerelite als Personengruppe, die Spitzenpositionen in großen, weltweit operierenden Unternehmen besetzt, ähnliche Interessen und Lebensstile teilt, auf denselben Ausbildungsstätten war und sich als Weltbürgertum versteht, dann kann von einem wirklich globalen Wettbewerb keine Rede sein. Von den CEOs der 1000 größten Unternehmen der Welt leitet gerade mal nur jeder Achte ein Unternehmen außerhalb seines Heimatlandes. Dieser Prozentsatz sinkt auf nur noch jeden Zehnten, berücksichtigt man, dass aus steuerlichen Gründen viele Unternehmen nur de jure außerhalb ihres Ursprungslandes residieren. Hinzu kommt, dass zwei Drittel der ausländischen Vorstandschefs innerhalb ihres muttersprachlichen Raumes arbeiten; nur jeder Dritte lässt sich auf eine fremde Sprache und Kultur ein. Nur zwei Prozent der untersuchten insgesamt 1300 CEOs sind auf Elite-Einrichtungen im Ausland ausgebildet worden. Überhaupt haben nur drei von zehn Managern länger als 6 Monate im Ausland gelebt. Und, Hand aufs Herz, wie viele deutsche Manager sind in den letzten Jahren vom Ausland gerufen worden? Fünf? Zehn? Man könnte noch viele Zahlen anhäufen (und müsste die Schweiz als Gegenbeispiel ausnehmen), um zu dem Schluss zu kommen: Die weitaus meisten Spitzenmanager sind fest in ihrer Heimat verwurzelt – in der Sprache und Kultur des Landes, in dem sie aufgewachsen sind.

Ist das zu bedauern? Nicht unbedingt – und jetzt bringe ich meine eigene Erfahrung ins Spiel: Immer wieder sehe ich, wie internationale Expansionen scheitern (zumindest unter ihren wirtschaftlichen Möglichkeiten bleiben), weil man einen Amerikaner zum Chef in Finnland, Polen und sogar England macht. Oder einen Franzosen nach Belgien schickt. Der chinesische Computerriese Lenovo verlässt sich ausdrücklich auf Talente vor Ort, um durch die gemeinsame Tradition und Sprache eine Vertrauenskultur zu ermöglichen. Bei einem Umsatz von 40 Mrd. Dollar und 54.000 Beschäftigten (2014) leistet sich das Unternehmen nur etwa 50 „expatriats“. Man mag diese Bodennähe sogar als verschlafene Globalisierung bemitleiden. Aber auf einen internationalen Wettbewerb um Spitzenmanager als Faktum können sich extreme Angestelltengehälter nicht stützen. Das wäre als Tatsachenbehauptung  falsch. Und als Meinung nur naiver Multikulturalismus.

Zurück