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Beschränkt rational

Freiheit ist Freiheit in Grenzen; Freiheit ohne Grenzen ist leer. Insofern ist Freiheit immer die Wahl der Abhängigkeit. Und nur die Zwangsordnung des Rechts garantiert die Freiheit jedes einzelnen. Wer nun die Spielräume der Freiheit verengen will, der ist begründungspflichtig, auch wenn er lediglich den Gebrauch der Freiheit verteuern oder erschweren will. Hilfreich dafür ist eine moralphilosophische Position, die den Rang allgemeiner Akzeptanz beanspruchen kann. Ein Nobelpreis kommt da wie gerufen - in diesem Fall für den amerikanischen Verhaltensökonom Richard Thaler. Seine Kernbotschaft: Der Mensch sei nur „beschränkt rational“, in Wirklichkeit ein homo affectus, im Extremfall ein kognitiver Versager. Dies nachgewiesen zu haben, so das Urteil des Nobelpreis-Komitees, mache die Ökonomie „menschlicher“.

 Die abermalige Grablegung des homo oeconomicus war eigentlich unnötig – sie gilt seit den Arbeiten der ebenfalls nobelpreisgeadelten Vorgänger Daniel Kahneman und Amos Tversky als weitgehend akzeptiert und dient als Absprungbrett für alle möglichen Gegenwartsanalysen. Begeistert aufgegriffen wird sie seitdem von etlichen Sektoren der Psycho-Industrie, die schon immer Irrationalität hinter der Fassade menschlicher Kognitionsautomaten vermutete. Auch die mannigfachen Forschungsanstrengungen zur sogenannten „Künstlichen Intelligenz“ leben von der These, dass Algorithmen „besser“ entscheiden als Menschen. Gesellschaftliche Sprengkraft aber gewinnt diese Sichtweise durch die Politik. Sie wittert die Chance, ihre Umerziehungsneigung „wissenschaftlich“ zu legitimieren („nudging“). Der gemeine Bürger, er wisse gar nicht, was gut für ihn sei. Das wissen nur anonyme Behörden. Gütig und vor allem: ganz rational. Und deshalb, weil der Mensch ein so irrationales Wesen sei, sollen ihn staatliche Behörden vor sich selber schützen – indem man ihm das Rauchen madig macht, das Trinken, das Autofahren, das helmlose Radfahren, das Fliegen, das Duschen, das Fleischessen, die Kinderlosigkeit, als Frau sogar den Karriereverzicht. Niemand hat das so unverblümt ausgesprochen wie Hillary Clinton: “We can’t expect our people to make the right choices.“ Das war kurios hellsichtig – zumindest, was ihre eigene Person anbetraf.

Was aber ist von der Substanz der Forschung zu halten? Dass wir auf morgen verschieben, was wir schon heute besorgen könnten, dass uns das Hemd näher ist als der Rock, dass uns der Spatz in der Hand lieber ist als die Taube auf dem Dach, dass wir uns manchmal mit nicht-maximalem Nutzen zufrieden geben, dass wir uns bei Entscheidungen von Formulierungen beeinflussen lassen, dass wir Stabilität mehr mögen als Veränderung, dass wir Launen wie Barmherzigkeit oder Nächstenliebe kennen, dass wir unzulänglich in der Einschätzung von Wahrscheinlichkeiten sind und kurzsichtig in der Planung unserer Lebensvollzüge - das war uns zwar schon immer irgendwie bekannt, aber es musste mal gesagt werden.

Kann man dabei von Verhaltens-„Anomalien“ sprechen? Kann man daraus gar ein kognitives „Versagen“ des Menschen destillieren? Das ist ebenso fraglich wie die entsprechenden Forschungsdesigns, die wissenschaftlichen Prüfkriterien nicht immer standhalten. Vielen Laborexperimenten ist ihre Künstlichkeit deutlich anzumerken; die Komplexität alltäglicher Entscheidungssituationen lässt sich nicht so leicht zerlegen. Und dass die rationalitätskritischen Forscher sich sehr rational verhalten, wenn sie mit ihren Ergebnissen den Wettbewerb um Forschungsgelder gewinnen, sei hier neidlos zugestanden.

Nun, hatte je jemand behauptet, dass der Mensch „durchgängig“ rational sei? Wohl kaum. Gibt es überhaupt eine menschlich unbeschränkte Rationalität, von der die beschränkte zu unterscheiden wäre? Hm. Mehr noch: Ist Rationalität empirisch greifbar? Nein, ist sie nicht. Sie ist Sache des individuellen Maßstabs. Und auch ein brachial definierter homo oeconomicus hat sich im wissenschaftlichen Schrifttum nie gefunden. Er ist nur ein Popanz, um sich effektvoll von ihm abheben zu können: „Wir sind nur Menschen, keine Maximierer!“ Ah, ja.

Man sieht: „Beschränkt rational“ ist eine schwierige Kategorie. Sie ist tendenziell negativ konnotiert: Menschen rauchen, obwohl sie wissen, dass sie dadurch wahrscheinlich früher sterben. Dummerweise hat sie aber auch eine „gute“ Seite: Altruistisches Verhalten etwa  - Schenken, Spenden, Grosszügigkeit – alles „beschränkt rational“. Für diese Seite interessiert sich die Politik nicht. Sie „halbiert“ damit den homo irrationalis und weiss sich zuständig nur für die „dumme“ Seite. „Beschränkt rational“ ist alles, was ihr nicht gefällt. So wie der Fussballverächter nicht versteht, dass man für ein Spiel um die halbe Welt reisen kann, Wahnsinnspreise bezahlt und dafür auch noch schlechter sieht als im Fernsehen. Die Rationalität hinter dieser scheinbaren Irrationalität ist aber für jeden Fussballfan evident.

Die Kritik am homo oeconomicus kann also ihren Kontrastwert nur erzielen, wenn sie den Menschen auf einen rein materiellen Rechenkünstler reduziert. Man verengt den Nutzenbegriff auf die Leitunterscheidung „mehr Geld/weniger Geld“. Unter diesen Vorzeichen erkannte man in der Tat „Anomalien“, die man als „irrational“ etikettierten konnte.

Wenn wir aber die Innenperspektive des Handelnden integrieren, wenn wir davon ausgehen, dass jemand aus Gründen handelt, dann müssen wir anerkennen: Alle Verhaltensweisen kann man als „Waren“ beschreiben, die wir unterscheiden und bewerten, die wir auf Märkten anbieten und gegen die Verhaltensweisen anderer Menschen tauschen. Alle Verhaltensweisen, das heisst vor allem auch nicht-materielle: Freundlichkeit ist eine Ware, Unfreundlichkeit auch; Zeit haben ist eine Ware, keine Zeit haben auch; jemandem helfen ist eine Ware, nicht helfen ebenso.

Lebensweltlich war immer klar, dass der Mensch auch nicht-materielle Werte kennt. Denn man kann ja auch mit sich selbst Handel treiben. Etwa nach dem Motto: Ja, ich nehme einen finanziellen Nachteil in Kauf, weil ich das Gefühl habe, einer guten Sache gedient zu haben. Wer handelt, der handelt: Wenn jemand einen finanziellen Vorteil ausschlägt, weil er ihm zu unbedeutend erscheint, gar als Beleidigung erlebt und daher vorzieht, lieber nichts zu bekommen, dann ist das für ihn absolut rational. Er schützt seine Selbstachtung, sein inneres Gleichgewicht. Und kann nicht jemand auf Rache, Ausgleich oder Gegenleistung verzichten, weil er sich dann edel fühlt? Ist Helferstolz nicht vor allem – Stolz, und insofern eine intrapsychische Ware? Man profitiert emotional, gilt als guter Mensch, wird von anderen anerkannt, oder, weniger hochstehend, vermeidet schlechtes Gewissen. Wie sollte man das anders bezeichnen als „ökonomisch“? Und warum teilen Menschen mit anderen Menschen, wenn sie doch Egoisten sind? Ja, eben weil sie Egoisten sind. Man handelt immer aus Eigeninteresse. Auch das Soziale ist eigeninteressiert – egal, ob man sich dabei selbst gefällt, den Beeindruckungsnutzen auf andere kalkuliert oder ob man aus sozialem Frieden Vorteile zieht. Es  sind gefühlsökonomische Kalküle; man kann sie auch „soziale Präferenzen“ nennen. Der Ehrliche ist deshalb nur dann der Dumme, wenn er nicht mit sich selber handelt. Nimmt er sich selbst hingegen als Tauschpartner ernst, dann ist der Ehrliche der Kluge. Zumindest, was seine innere Buchhaltung anbetrifft. Man braucht also nicht erst Nietzsches Heroismus, um sich das „ethische Geseich“ der Spießer vom Leibe zu halten.

Man kann das Argument noch ausdehnen (wie Murray Rothbard das getan hat) und das Ökonomische vollständig auf die Erzielung „emotionaler Einkommen“ reduzieren. Materielle Güter werden danach nur deshalb erworben, weil sie bestimmte Gefühle erzeugen. Weshalb man Menschen nur zum Handeln bewegt, wenn man ihnen ein psychisches Einkommen verspricht. Jeder Verkäufer weiss, dass der Kunde nicht einen Anzug kauft, sondern in dem Anzug „gesehen“ werden will.

Fassen wir zusammen: Menschen handeln immer sinnvoll. Ihr Handeln ist immer voller Sinn – aus der Innenperspektive. Mag es aus der Aussenperspektive auch noch so ver-rückt, irrational, absurd, geschmacklos oder unmoralisch aussehen. Aus der Innenperspektive handeln Menschen immer rational; sonst hätten sie sich für eine andere Handlung entschieden. Das gilt eben auch für als das Helfen, Unterstützen, für das Soziale – für all das, was der Verhaltensforschung als „beschränkt rational“ gilt. Das hat schon eine ironische Pointe. Was wie eine nobelpreiswürdige Rettung des Menschen klingt, ist in Wahrheit ein Angriff auf seine Würde.

 

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